3,8 Mio. Euro für die Entwicklung neuer Forschungs- und Behandlungsmethoden

In Europa leiden rund 42 Millionen Menschen unter chronischem Tinnitus. Die störenden Ohrgeräusche führen bei vielen Betroffenen zu einer nachhaltigen Einschränkung ihrer Lebensqualität. Eine allgemein wirksame Behandlungsmethode für das sehr individuelle Krankheitsbild gibt es bisher nicht. Gleichzeitig wächst die Zahl der Betroffenen stetig, bis 2050 könnte sie sich bei gleichbleibender Entwicklung verdoppeln. Die Notwendigkeit, Tinnitus als Forschungsgegenstand voranzutreiben und interdisziplinär an neuen Konzepten und einer gemeinsamen Datenbasis zu arbeiten, ist groß.

Die EU stellt nun im Rahmen ihres Forschungs- und Entwicklungsprogramms „Horizon 2020“ 3,8 Mio. Euro für die „European School for Interdisciplinary Tinnitus Research“ (ESIT) zur Verfügung, um systematisch und interdisziplinär Daten zu erheben, neue Behandlungsmethoden zu erforschen und die Ausbildung von 15 Nachwuchswissenschaftlern voranzutreiben. Dabei sollen neue Forschungsmethoden eingesetzt, erste genetische Studien zu Tinnitus durchgeführt und der größte pan-europäische Tinnitus-Datensatz aufgebaut werden. Ziel ist es, so die Grundlagen für eine individualisierte und evidenzbasierte Tinnitusbehandlung zu schaffen.

 

Das ESIT-Programm ist auf vier Jahre angelegt und wird vom Tinnituszentrum am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) sowie vom Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg (UR) koordiniert. Insgesamt beteiligen sich zwölf Universitäten aus zehn EU-Ländern und 34 weitere akademische und nicht-akademische Partner an dem Programm. Die enge Zusammenarbeit akademischer, klinischer und industrieller Partner sowie die Einbindung von Patientenorganisationen und Gesundheitsbehörden macht das Programm so besonders.

 

Dr. Winfried Schlee, ESIT-Koordinator und Wissenschaftler am Universitätsklinikum Regensburg, erklärt: „Mit ESIT haben wir erstmals die Möglichkeit, einer bisher fragmentierten Forschungslandschaft eine gemeinsame Basis und einen verbindlichen Rahmen für die Zukunft zu geben. Die Tinnitusforschung braucht den engen Austausch aller Disziplinen, um innovative Lösungen für ein hochindividuelles Krankheitsbild zu entwickeln. Ich freue mich sehr, dass wir mit Unterstützung der EU und ausgezeichneten Partnern der Realisierung unseres Ziels deutlich näher kommen können.“ Unter den industriellen Partnern befinden sich Experten und Technologienbieter, die sich mit ihren Lösungen schon heute in der Forschung und Behandlung von Tinnitus engagieren. Dazu zählen die BEE Group, Brain Products, Cochlear, Del Bo Technologia, Medien LB, Pinpoint Scotland, Sensorian, Sivantos und Sonormed. „Mit dem ESIT entsteht die einmalige Möglichkeit, alle entscheidenden Beteiligten in einem Projekt zusammenzubringen, um gemeinsam die Weichen für die Tinnitusforschung und -behandlung der Zukunft zu stellen. Wir freuen uns sehr, mit unserem Know-how einen Teil dazu beitragen zu können“, erklärt Jörg Land, Gründer und Geschäftsführer der Sonormed GmbH.

Für die Standards der akademischen Ausbildung setzt sich Professor Deborah Hall, Leiterin Biomedical Research Unit in Hearing an der Universität Nottingham (NHBRU), ein. Sie betreut im Rahmen von ESIT 15 Doktoranden und erklärt: „ESIT wird das erste koordinierte akademische Ausbildungsprogramm für Nachwuchswissenschaftler sein, die eine berufliche Karriere in der Tinnitus-Forschung anstreben. Die Ausbildung soll inspirieren und konzentriert sich dafür gleichermaßen auf die persönlichen Fähigkeiten und Kenntnisse der Doktoranden und die gemeinsame Arbeit daran, der Forschung eine möglichst weitreichende, interdisziplinäre Bedeutung zu geben. Das ESIT-Programm fördert außerdem die internationale Zusammenarbeit, da es allen Doktoranden die Möglichkeit bietet, im Rahmen ihrer Studien EU-weit in den Partnerorganisationen zu arbeiten. Dies sind wirklich spannende Zeiten für die Tinnitus-Forschung.“

Die ESIT-Partner decken die klinischen Bereiche Audiologie, Otolaryngologie, Psychologie, Psychiatrie und Neurologie ab. Aus der Forschung kommen folgende Bereiche ergänzend hinzu: Epidemiologie, Genetik, Neurowissenschaft, Mediziningenieurwesen, Softwareentwicklung und Data-Mining. Alle Bereiche werden erstmals koordiniert forschen und entwickeln. Ausgangslage dafür sind die bisher am besten wissenschaftlich belegten Behandlungsstrategien für Tinnitus: die kognitive Verhaltenstherapie, akustische Stimulation sowie die elektrische oder magnetische Neurostimulation.

Das ESIT-Programm ist mit der finalen Bewilligung der Forschungsgelder durch die EU zum April 2017 offiziell gestartet und wird über eine Laufzeit von vier Jahren gefördert. Die ersten Doktorandenstellen sind bereits ausgeschrieben, interessierte Studierendekönnen sich in den nächsten Wochen bewerben. Details zu den Stellen, zum Programm und den Fortschritten werden über die zentrale Internetpräsenz http://esit.tinnitusresearch.net zur Verfügung gestellt.

Universitätsklinikum Regensburg (UKR)