Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier, Oldenburger Hörforscher und Leiter des Exzellenzclusters Hearing4allHerausragende Hörforschung: Der Exzellenzcluster Hearing4all war bei dem Wettbewerb „Spitzenforschung in Niedersachsen“ des Niedersächsischen Wissenschaftsministeriums und der VolkswagenStiftung erfolgreich. Mit der Fördersumme in Höhe von einer Million Euro wollen die Wissenschaftler aus Oldenburg und Hannover neue Forschungsfelder erschließen – und so zugleich die Chancen auf eine Verlängerung des Clusters im Nachfolgeprogramm der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern erhöhen.

„Mit diesem Programm fördern wir Forschungsprojekte niedersächsischer Spitzenwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler und machen die niedersächsischen Hochschulen noch attraktiver. Gleichzeitig bringen wir die Hochschulen mit diesem Programm in eine gute Startposition für den kommenden bundesweiten Exzellenzwettbewerb“, sagte Niedersachsens Wissenschaftsministerin Dr. Gabriele Heinen-Kljajić.

Prof. Dr. Dr. Hans Michael Piper, Präsident der Universität Oldenburg, unterstrich mit Blick auf den Exzellenzcluster Hearing4all: „In einer Welt, deren Bevölkerung zu fast einem Fünftel an Hörverlust leidet, ist die Hörforschung medizinisch wie gesellschaftlich essenziell. Mit der jetzt gewährten Unterstützung des Landes werden wir das ambitionierte Ziel des Hörens für alle auch in den kommenden Jahren intensiv weiterverfolgen.“

Der neue zweijährige Forschungsverbund „Hören für alle“ soll Brücken schlagen von gezielter Hörforschung hin zur nachhaltigen Wirkung auf das tägliche Leben. Koordinator ist Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier, Oldenburger Hörforscher und Leiter des Exzellenzclusters Hearing4all, dem neben der Universität Oldenburg die Universität Hannover und die Medizinische Hochschule Hannover angehören.

„Wir möchten sowohl die modernsten Diagnosemethoden als auch verschiedene Typen von Hörhilfen noch stärker miteinander verzahnen“, so Kollmeier. Dabei haben die Hörforscher drei wichtige und zukunftsweisende Herausforderungen im Blick: eine audiologische Präzisionsmedizin, eine bessere maschinelle Verarbeitung von Sprache sowie neuartige Materialien und Bedienmechanismen für die Hörhilfen der Zukunft. „Um die Clusterforschung und die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zudem noch enger miteinander zu verbinden, werden wir ein umfassendes, interdisziplinäres Graduiertenprogramm entwickeln“, ergänzt Kollmeier.

Die audiologische Präzisionsmedizin hat zum Ziel, die Hördiagnostik wesentlich genauer auf die individuellen Bedürfnisse bei der Anpassung von Hörhilfen auszurichten. So soll ein bedeutend vielschichtigeres Bild von Patienten mit Hörverlust entstehen – mit neuen Einblicken in dessen Ursachen und ihre Zusammenhänge. Auf Grundlage dieser immensen Datenbasis sollen Computermodelle die Plausibilität von Diagnosen und den Erfolg von Behandlungsoptionen verlässlich vorhersagen helfen. Auch genetische Aspekte wollen die Forscher künftig einbeziehen.

Unter der Überschrift „Hörunterstützung und Sprache“ streben die Wissenschaftler danach, natürliche Sprache in natürlicher Umgebung als neuen Maßstab in der Hörforschung zu etablieren und so deren bessere Verarbeitung durch Hörhilfen im Zusammenspiel mit der menschlichen Verarbeitung zu ermöglichen. Bislang basiere die Signalverarbeitung in Hörhilfen oft auf physikalisch gut bekannten Signalen wie Tönen und Geräuschen. Wesentliche Eigenschaften von natürlicher Sprache – zumal in natürlicher Umgebung – blieben hingegen unberücksichtigt. Dies haben die Hörforscher als einen Grund dafür ausgemacht, dass Hörhilfen – obgleich sie immer besser werden – in anspruchsvollen akustischen Situationen wie beispielsweise größeren Gesellschaften an ihre Grenzen kommen.

Die dritte Säule des neuen Verbunds, „Hörhilfen und Gehirn“, soll den Weg zu umfassender Hörunterstützung aller Patienten in allen Situationen ebnen und bisherige Ansätze zur Schnittstelle zwischen Gehirn und Hörhilfe mit neuen Konzepten der Stimulation, Signalverarbeitung und Steuerung der Hörhilfe verschmelzen. Ein Ziel dabei sind multifunktionale, biohybride Implantate für Gehör und Gehirn, die zum Beispiel mittels einer Zellbeschichtung eine unerwünschte Gewebereaktion nach der Implantation verhindern. Multimodale Sensoren sollen skalierbare, universelle Hörhilfen ermöglichen, die die Bandbreite von einer akustischen „Transparenz“ für noch normalhörende Personen bis zur vollwertigen Hörhilfe für hochgradig Hörgeschädigte abdecken. Neueste Erkenntnisse der Neuropsychologie und -technologie fließen auch mit ein, wenn es um die Vision einer „kognitiven Hörhilfe“ geht.

Der Exzellenzcluster Hearing4all – seit 2012 von Bund und Ländern gefördert – gehört zu den weltweit führenden Zentren der Hörforschung. Er baut auf der komplementären Forschungsexpertise in Hörhilfen und Hörimplantaten der beiden international ausgewiesenen und stark miteinander vernetzten Cluster-Standorte Oldenburg und Hannover auf: Ungefähr 80 Prozent aller Hörgeräte weltweit enthalten „ein Stück Oldenburg“, und das weltweit größte Zentrum für Cochlea-Implantate in Hannover prägt stetig deren Weiterentwicklung. Der Cluster deckt die gesamte Entwicklungskette vom Labor in die Klinik ab und schließt dabei die Lücke zwischen Grundlagenforschung und industrieller Anwendung.

„Hören für alle“ ist – neben einem Verbund der Meereswissenschaften zu mariner Biodiversität – der zweite von der Universität Oldenburg koordinierte Forschungsverbund, der bei der Ausschreibung „Spitzenforschung in Niedersachsen“ erfolgreich war. Darüber geben Wissenschaftsministerium und VolkswagenStiftung landesweit insgesamt elf Forschungsverbünden und einem Standortkonzept die Chance, sich frühzeitig auf den kommenden Bund-Länder-Wettbewerb vorzubereiten.

Dr. Corinna Dahm-Brey
Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Bild: Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier, Oldenburger Hörforscher und Leiter des Exzellenzclusters Hearing4all