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Messungen im Biomagnetischen ZentrumChristian Dobel ist neuer Professor für Experimentelle Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Jena

Ein Psychologe in der HNO? Das sei durchaus naheliegend, erklärt Christian Dobel, der seit diesem Wintersemester die Professur für Experimentelle Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Jena innehat. „Denn viele Details der psychologischen Verarbeitung von Reizen, die wir insbesondere über das Gehör aufnehmen, sind noch nicht verstanden“, so der Psychologe.

Bild:Messungen im Biomagnetischen Zentrum des Uniklinikums Jena sind eine wichtige Methode in Christian Dobels (r.) Forschung, der die neue Professur für Experimentelle HNO-Wissenschaft innehat.

 

Wie eng diese Fragestellungen an die Krankheitsbilder in der HNO-Klinik anbinden, zeigen seine Forschungsprojekte. Zum Beispiel Patienten mit einem Cochlea-Implantat; mit dieser Innenohrprothese können Menschen, die ertaubt sind, wieder hören: „Die Implantate geben nicht das gesamte Hörspektrum wieder, sondern nur einige recht schmale Frequenzbereiche. Das spricht dafür, dass das ‚Wieder-Hören-Lernen‘ ein echter Lernprozess, nicht das Auffrischen früher erworbener Fähigkeiten ist – wie er abläuft, wissen wir noch nicht.“ Die enge Verbindung dieser Grundlagenforschung mit der klinischen Anwendung machen für Christian Dobel den besonderen Reiz seiner Themen aus.

Im Fazialis-Nerv-Zentrum behandeln die Jenaer HNO-Ärzte Erkrankungen des Gesichtsnervs, dessen Lähmungserscheinungen nicht nur körperliche, sondern auch psychosoziale Einschränkungen bedeuten können. Christian Dobel: „Wir drücken einen Großteil unserer Emotionen über die Mimik aus. Wenn das wegen einer Nervenlähmung nicht mehr funktioniert, leidet das soziale Leben sehr und viele Patienten ziehen sich zurück. Um dem entgegenzuwirken suchen wir mit den Patienten nach Wegen, wie sie ihre Gefühle anders ausdrücken können.“

Professor Christian Dobel hat an der Universität Konstanz Psychologie studiert und promovierte dort über die Sprachverarbeitung bei Patienten, die nach einer Hirnschädigung an einer Sprachstörung leiden. Er forschte als PostDoc am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik im holländischen Nijmegen und arbeitete dann an der Universität Münster, wo er sich habilitierte und zuletzt eine Arbeitsgruppe im Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse leitete.

Die Messung der elektrischen und magnetischen Aktivität des Gehirns ist ein wesentliches Instrument in Christian Dobels Forschung. Mit dem Biomagnetischen Zentrum an der Klinik für Neurologie hat er hierfür in Jena einen wichtigen Partner gefunden. Auch zur Klinik für Kinderpsychiatrie hat der Psychologe schon Kontakte geknüpft – wegen deren Forschungserfahrung im Bereich der Lese-Rechtschreibstörung. Denn in Münster begonnene Arbeiten zur Legasthenie und zur Dyskalkulie, der oft gemeinsam mit der Lesestörung auftretenden Rechenschwäche, wird der Psychologe in Jena fortsetzen.

Sein Ansatzpunkt ist dabei wieder die Verarbeitung von Hörreizen und die damit verbundenen Lernprozesse. Für das Lesen- und Schreibenlernen bildet die korrekte Erfassung der als Phoneme bezeichneten kleinsten Bausteine der gesprochenen Sprache den Schlüssel. „Wir vermuten, dass bei Kindern mit Problemen beim Lesen und Schreiben diese Erfassung erschwert wird, weil der Hörreiz nicht lange genug repräsentiert wird. Damit könnten auch Verzögerungen der Sprachentwicklung im Kleinkindalter zusammenhängen“, so Christian Dobel.

Für Kinder mit Rechenschwäche, denen auch das Erfassen von Mengen und Zeiträumen schwerfällt, hat er ein spielerisches Trainingsprogramm für Computer und Tablet mit erarbeitet. Neben dem Üben von Größenverhältnissen und Grundrechenarten soll es auch vermeiden, dass Kinder durch Misserfolge im Unterricht eine grundlegende Angst gegenüber allem entwickeln, das mit Zahlen und Mathematik zu tun hat. „Diese fatale Kopplung an das Furcht– und Angstnetzwerk behindert das Lernen nur noch mehr“, beschreibt Dobel eine wesentliche psychologische Komponente und schlägt damit den Bogen wieder zur Klinik und zum Tinnitus, bei dem eine ähnliche Kopplung vermutet wird, und der in einem Zentrum an der Jenaer HNO-Klinik erforscht und multiprofessionell behandelt wird.

Dr. Uta von der Gönna
Universitätsklinikum Jena

Bild: M. Szabo/UKJ

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