im Test - Cinema Connect SystemViele Hörgeschädigte gehen nur selten ins Kino oder Theater.
Der Grund liegt auf der Hand oder besser im Ohr. Sprache zu verstehen ist in dieser Umgebung nur möglich, wenn entsprechende FM- oder Induktions-Anlagen für Hörgeschädigte im Zuschauerraum vorhanden sind. Doch den Aufwand scheuen viele Betreiber immer noch und auch die Übertragungsqualität ist nicht immer optimal. Ohne Anlagen wird das Verstehen allerdings zur Tortur, erst recht, wenn das Publikum auf das Geschehen auf der Leinwand oder auf der Bühne reagiert und damit der Störschall ansteigt.
Die Firma Sennheiser verspricht nun mit den CinemaConnect System Abhilfe.


Das System überträgt per WLAN Ton, Untertitel oder Audiodeskription auf das eigene Smartphone. Zum Empfang des Signals wird die CinemaConnect App benötigt, die der Besucher auf sein Smartphone installieren muss. Die Hörunterstützung des Systems ist sicher auch für gut hörende Zuschauer geeignet, wenn Kopfhörer am Smartphone Testberichtangeschlossen werden. Hörgeschädigte müssen sich mit dem Smartphone verbinden und nutzen diese Verbindung zur Übertragung auf das CI oder Hörgerät.

 

Über der CinemaConnect App ist es möglich, mit dem Personal Hearing Assistant die Tonausgabe individuell anzupassen. Dabei kann nicht nur die Lautstärke des empfangenen Audiosignals, sondern auch die Sprachverständlichkeit und Klangcharakteristik per Touch-Bedienung einfach justiert werden. Das dürfte gerade für CI-Träger von besonderer Bedeutung sein.
Für Kino- und Theaterbetreiber ist das System in die vorhandene Technik leicht zu integrieren. Das vorhandene Audio-System wird einfach mit der ConnectStation verbunden.
Notwendig ist das Herzstück, die ConnectStation, ein WLAN-basiertes Mehrkanal-Audio Übertragungssystem für mobile Endgeräte und der WLAN Access Point des CinemaConnect Netzwerks. Weitere Sendeanlagen oder Verlegung von Induktionschleifen sind nicht notwendig. Der Installationsaufwand ist somit relativ gering. Da das System nicht nur Hörgeschädigten, sondern auch gut Hörenden Vorteile bietet und sich auch dem Betreiber neue Möglichkeiten eröffnen, dürfte das System für Kino, Theater und Co. interessant sein. Vielleicht ergibt sich daraus eine Chance, für eine große Verbreitung des Systems. Das würde den Hörgeschädigten zu Gute kommen und ihnen einen hörstressfreien Kino- und Theaterbesuch ermöglichen. Laut Jörn Erkau, Manager- Global Sales CinemaConnect, sind schon einige Kinos und Theater mit dem System ausgestattet. Weitere Betreiber werden folgen, denn das System kann weitere Kanäle zur Verfügung stellen. „Ich kann nicht nur Hörunterstützung oder Audiodeskription anfragen, sondern auch die französische oder englische Fassung des Films“, erklärt mir Jörn Erkau.
Die CIV News Umfrage bei den Kinobetreibern war ernüchternd: Die Resonanz auf die Angebote der Kinos und Theater durch Hörgeschädigte ist eher dürftig.
Ein Grund ist sicherlich, dass diese Angebote nicht bekannt sind und auch von den Spielstätten nicht besonders hervorgehoben werden. Wer meint, dass er Filme im Kino oder Aufführungen im Theater akustisch nicht verstehen kann, wird auch entsprechende Besuche von vorn herein unterlassen.
Leider sehen es viele Betreiber, wie Erwin R., (Lichtspiel und Kunsttheater Schauburg in Dortmund)
Er antwortete auf unsere Anfrage:
Unser Haus nutzt das CinemaConnect System nicht, da die Kosten hierfür zu hoch sind. Auch haben wir bei uns im Haus noch keinerlei Anfragen hierfür gehabt.Wir bieten für Hörgeschädigte die kostenfreie Variante von Greta & Starks an. Dieses Angebot wird leider aber auch nur sehr selten genutzt.
Anmerkung der Redaktion:
Greta und Starks kann mit dem CinemaConnect System natürlich nicht verglichen werden.

CinemaConnect – der Praxistest
Jens SchneiderheinzeJens Schneiderheinze ermöglichte unserer CI-Gruppe einen Test des Systems. Eine Gruppe des DSB war ebenfalls zum Test eingeladen. Nach einer kurzen Vorbesprechung mit Hinweisen zum Kino und zu den hier genutzten Apps für Hörgeschädigte, durften wir im Cinema 2 zum Praxistest schreiten.
Schnell stellte sich heraus, dass die Einrichtung der CC App für technisch nicht so fitte Nutzer einer näheren Erläuterung bedarf. Ebenfalls sollte schon im Vorfeld darauf hingewiesen werden, dass das notwendige Zubehör für die Verbindung vom Handy zum CI bzw. Hörgerät mitgebracht werden muss. Diese Verbindung sollte schon vor dem Kinobesuch getestet werden. Die CinemaConnect App bietet einen Demomodus, der dafür genutzt werden kann.
Die App mit dem WLan zu verbinden ging dann reibungslos von statten. Die verschiedenen CI Modelle hatten keine Probleme mit den Hörverstärker- Einstellungen. Auch die Untertitelübertragung funktionierte gleichzeitig mit der Hörverstärkung einwandfrei. Die Tester sahen aber ein Problem beim Lesen der Untertitel auf dem Handy und das Ansehen des Films, da hier ein kombiniertes Sehen kaum möglich war. Herr Schneiderheinze hatte aber dieses Problem schon erkannt und nutzte ein größeres Tablet für die Textausgabe. Dieses soll später an die Rückseite des Sitzes des Vordermannes befestigt werden können. Auch entsprechende Brillen könnten das Problem lösen.
Ich durfte das System als nicht Hörbehinderter testen und war von der Tonqualität und den Anpassungsmöglichkeiten des Tons begeistert. Das System bietet damit gut Hörenden und leicht Hörbeeinträtigten ebenfalls einen Vorteil.

Fazit: Das System brachte allen Testern ein besseres Sprachverstehen. Die Untertitel helfen, auch in schwierigen Situationen der Sprachausgabe folgen zu können. Insgesamt war die Resonanz positiv.
Wir danken Jens Schneiderheinze, dass er uns diesen Test ermöglichte.

Peter Hölterhoff

Anfragen der CIV NRW News bei Kinobetreibern:
 CINECITTÁ Multiplexkino GmbH & Co. KG Gewerbemuseumsplatz 3, 90403 Nürnberg
Wir haben tatsächlich jeden Saal mit dem CinemaConnect System ausgestattet. Unsere Erfahrungen aus technischer Sicht sind gut. Wir haben damit tatsächlich ein System welches an jedem Sitzplatz eine Hörunterstützung bietet welche über die App auch individuell angepasst werden kann. Die Hörunterstützung steht auch bei nahezu jedem Film zu Verfügung. Lediglich Untertitel und Audiodeskription sind noch etwas seltener. Welche Fassungen Verfügbar sind kann aber jederzeit auf unserer Homepage in den Filmbeschreibungen erfahren werden. Die Investitionskosten beliefen sich auf einen niedrigen sechsstelligen Betrag.
Kunstbauerkino e.V., Am Sportplatz 3, 02747 Großhennersdorf
Kunstbauerkino e.V. ist ein eingetragener und als gemeinnützig anerkannter Verein, der ein Programmkino in Großhennersdorf/Sachsen betreibt.
Unser Programmkino ist mit dem CinemaConnect System ausgestattet. Die Kosten hierfür beliefen sich mit den Installationsarbeiten auf etwa 6000 €. Ermöglicht wurde die Investition durch eine Förderung des Landes Sachsen. Die Bedienung des Systems ist einfach und unkompliziert. Allerdings gibt es bisher nur wenig Filme, die das System voll ausschöpfen können. Das System wurde im Mai / Juni eingebaut und bedingt durch die Sommerpause konnte die Anlage noch nicht von hörgeschädigten Besuchern getestet werden. Aber natürlich haben wir selber das System getestet und ich bin sehr zufrieden damit.
Cinema & Kurbelkiste, Warendorfer Straße 45-47, 48145 Münster
Wir haben bislang 10.000 Euro investiert. Dazu kam die gleiche Summe als Förderung durch die Filmförderungsanstalt. Im November folgt unser dritter Saal. Dafür fallen dann noch mal etwa 5.000 Euro an.
Bislang haben wir noch keine Erfahrungen für hörgeschädigten Gästen. Wir machen aber gerade einen Termin mit Mitgliedern des hiesigen Schwerhörigenvereins.
Dadurch möchten wir zum einen Erfahrungen sammeln und zum anderen gemeinsam überlegen, wie wir die Menschen mit Hörschädigung besser über unser Angebot informieren können.
Anmerkung der Redaktion:
Wir oben zu lesen, waren wir beim Test dabei. Die Anfrage erfolgte vor dem Test.
Leider sehen es viele Betreiber, wie
Erwin R., Lichtspiel und Kunsttheater Schauburg, Brückstrasse 66, 44135 Dortmund
Er antwortete auf unsere Anfrage:
Unser Haus nutzt das CinemaConnect System nicht, da die Kosten hierfür zu hoch sind. Auch haben wir bei uns im Haus noch keinerlei Anfragen hierfür gehabt.Wir bieten für Hörgeschädigte die kostenfreie Variante von Greta & Starks an. Dieses Angebot wird leider aber auch nur sehr selten genutzt.
Anmerkung der Redaktion:
Greta und Starks kann mit dem CinemaConnect System natürlich nicht verglichen werden, da es nur Untertitel oder Audiodeskription zur Verfügung stellt. Für CI- und Hörgerätenutzer ist aber eine Übertragung des Tons wichtig. Laut unseren Informationen liegen die Kosten bei etwa 5000 bis 10000 € pro Kinosaal. Sicherlich keine kleine Investition. Allerdings kann die Maßnahme von der FFA gefördert werden.

Weitere Informationen:
Kinoförderung:
Die Filmförderungsanstalt (FFA) fördert Maßnahmen zur Herstellung von Barrierefreiheit im Sinne des Behindertengleichstellungsgesetzes §4 in den Kinos als Zuschuss – z. B. das digitale Equipment für Audiodeskription und / oder Untertitel als Zuschuss. Die Förderung bezieht sich auf 50 Prozent des Vorhabens.
Zitat: Dienen die Modernisierungsmaßnahmen der Herstellung von Barrierefreiheit können bis zu 50 Prozent der anerkannten Kosten als Zuschuss gewährt werden. Dabei kann die Höchstfördersumme von 350.000 Euro überschritten werden.

Kulturangebote:
Im Web informiert Sennheiser auf der Seite „culture inclusive“, über Kulturangebote für Seh- oder Hörbehinderte und deren Standorte.
Studie:
Eine im Auftrag von Sennheiser durchgeführte Studie des EMNID Institutes hat folgende Resultate erbracht:
Jeder zweite (49%) verzichtet auf die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen wegen einer Hör-bzw. Sehschwäche.
Ein Drittel (34%) der Befragten glaubt nicht, dass Hör-bzw. Sehbeeinträchtigten genügend Hilfestellungen bei Theater- und Kinobesuchen zur Verfügung gestellt werden.

Produkt- Video: https://vimeo.com/151886254

Quellen:
Jörn Erkau, Manager – Global Sales CinemaConnect
Peter Matthes, Kunstbauerkino e.V.
Benjamin Dauhrer (CTO/CMO), CINECITTÁ Multiplexkino GmbH & Co. KG
Erwin Rajkovcanin, Lichtspiel und Kunsttheater Schauburg
Jens Schneiderheinze, Cinema & Kurbelkiste
Sennheiser CinemaConnect Website
„culture inclusive“, Website
Hauptverband Deutscher Filmtheater HDF Kino e.V.
Filmförderungsanstalt (FFA)
Infos zu den Systemen:
http://www.hdf-kino.de/fileadmin/hdfkino/media/Downloads/07_Service/02_Informationsmaterial/2014-10-31_Barrierefreies_Kino_FFA-Fragenkatalog_ausgef%C3%BCllt_alle.pdf