Experten und Patienten tauschten sich zum Thema Hören beim Kongress „HighTech in Schule und Gesellschaft“ aus
Zum mittlerweile 17. Hannoverschen Cochlea-Implantat-Kongress der HNO-Klinik der MHH kamen rund 150 Experten, Patienten und Interessierte Ende September für zwei Tage in Hannover zusammen. In diesem Jahr fand der Kongress unter dem Titel „HighTech in Schule und Gesellschaft“ statt.
Beim Auftakt standen die Themen Diagnostik und Chirurgie der CI-Versorgung im Vordergrund. Moderiert von HNO-Klinikdirektor Prof. Prof. h.c. Dr. med. Thomas Lenarz behandelten die Vorträge unter anderem den Vergleich verschiedener Elektroden bei der hörerhaltenden Chirurgie, die individuellen Größen der Hörschnecken sowie die CI-Versorgung bei Malformationen des Innenohres. Weitere Themenkomplexe waren „CI-Versorgung und auditive Reifung“ sowie „CI-Nachsorge und –ergebnisse bei einseitiger Ertaubung“. Dazu sprach unter anderem Prof. Lenarz über Taubheit bei Akustikusneurinom, weiterhin ging es um den aktuellen Stand bei knochenverankerten Hörsystemen sowie die CI-Versorgung bei einseitig ertaubten Kleinkindern bzw. Erwachsenen.
Bei der Expertendiskussion sprach Prof. Andreas Büchner, wissenschaftlicher Leiter im Deutschen HörZentrum, mit den Vertretern der vier CI-Firmen Advanced Bionics, Cochlear, MED-EL und Oticon Medical zum Thema „ Einsatz neuester Technologien, automatische Hörprogramme, Data Logging im Kontext von Alltagswirksamkeit und Nachhaltigkeit der Nachsorge“. Einig waren sich die Firmen darin, dass zum Beispiel das Data Logging, also das Auslesen von Informationen des Cochlea-Implantats zu Tragedauer, Hörumgebung etc. ein hilfreiches Plus sei, das aber noch nicht bei allen Systemen möglich ist. Betont wurde von allen Herstellern ausdrücklich, dass in jedem Fall der Datenschutz gewährleistet sein muss. Insgesamt wurde diese Diskussion sehr informativ, kurzweilig und mit kontroversen Antworten von Professor Büchner und den Firmen geführt. Jeder Firma stellte andere Schwerpunkte heraus, so dass das Auditorium auch die Entwicklungsschwerpunkte der Firmen nachvollziehen konnte.
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion und der Vorträge war die Darstellung von neuen Indikationen und deren Herausforderungen. Die Versorgung von resthörenden Patienten ist eine derartige Indikationserweiterung, so dass man andere Dimensionen des Sprachverstehens erreicht hat. Somit erscheint auch die Versorgung Gehörloser mit gegenseitiger Normakusis als ein mittlerweile etabliertes Verfahren. Klar herausgestellt wurde aber, dass nicht jeder dafür geeignet ist, dass wie bei den beidseits Gehörlosen auch hier Grenzen der Physiologie erreicht sind. Andererseits lässt sich die Therapie mit den beidseits gehörlosen CI-versorgten Patienten nicht vergleichen.
Am zweiten Tag lagen die Schwerpunkte auf den therapeutischen Ansätzen. Auch an diesem Tag gab es eine Podiumsdiskussion: Prof. Lenarz sprach mit den Vertretern der Patientenorganisationen zur Fernanpassung von Cochlea-Implantaten. Zuvor stand ein Themenkomplex zu Kindern mit speziellen Bedürfnissen auf dem Programm, dabei behandelten die Vorträge unter anderem progrediente Schwerhörigkeit, Autismus, die Versorgung mit einem Hirnstammimplantat, Zusatztherapien bei kognitiver Mehrfachbeeinträchtigung sowie Sehschädigung mit ungünstiger Hördiagnostik. Ein weiterer Themenkomplex stand im Zeichen der schulischen und beruflichen Bildung. Schließlich widmete sich ein Teil des CI-Kongresses auch dem 25-jährigen Bestehen des Cochlear Implant Centrums „Wilhelm Hirte“, das damals auf Initiative des früheren HNO-Klinikdirektors Prof. Lehnhardt ins Leben gerufen wurde.
Besonders eindrucksvoll waren die Patientenberichte mit ihren Schilderungen aus dem Alltag von CI-Trägern. Ein Vater erzählte, wie gut sein CI-versorgter Sohn sowohl in Kindergarten und Grundschule als auch nun im Gymnasium als weiterführende Schule inkludiert wurde. Eine junge Studentin, ebenfalls mit Cochlea-Implantaten versorgt, berichtete von ihrem Studium der Tiermedizin in Hannover und den positiven Erfahrungen, die sie als CI-Trägerin im Studium macht. Und eine Mutter schilderte sehr lebhaft, wie gut ihr gehörlos geborener und mittlerweile erblindeter Sohn dank CI im Alltag zurecht kommt und wie gemeinschaftlich das Familienleben wieder funktioniert – dank CI kann der Sohn nun auch wieder die Stimmen von Vater und Geschwister hören und ist nicht mehr auf die Mutter als einzige zu verstehende Kommunikationsquelle angewiesen. Allen Berichten gemeinsam war aber auch, dass das CI kein „Alles-Könner“ ist. Insbesondere bei Menschen mit zusätzlichen Herausforderungen ist das CI ein gutes Mittel, um Nachteile zu verringern – aber mit der enttäuschten Erwartung umzugehen, wenn das CI weniger kann als man sich erhofft hat, das wurde besonders authentisch geschildert.
Ein letzter Höhepunkt des zweiten Kongresstags war die Verleihung des Ehrenpreises der Arbeitsgemeinschaft Cochlear Implant (Re-)Habilitation e.V. (ACIR) an Dr. Bodo Bertram für sein Lebenswerk. In der Laudation lobte Arno Vogel, Vorsitzender der ACIR, das langjährige Wirken des ehemaligen Leiters vom CIC Wilhelm Hirte für die Hör-Rehabilitation von Kindern. Bodo Bertram habe das „Hannover-Konzept“ – die Verbindung von Spitzenmedizin und therapeutischer Pädagogik – zu einem weltweiten Vorbild geformt. „Unzählige Fachkollegen kamen nach Hannover, um sich an der Quelle zu informieren“, lobte Vogel.
Daniela Beyer, Öffentlichkeitsarbeit HNO und DHZ der MHH

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